Presseschau

10. Januar 2013

Tatort am Sonntag

Münchner Merkur

10. Januar 2013 – Claudia Stockinger, 42, ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Göttingen – und hat über einen Zeitraum von zwei Jahren das Thema Religion in der ARD-Reihe „Tatort“ erforscht. Dazu sah sie sich über 400 Folgen aus vier Jahrzehnten an. Heute Abend hält sie darüber ab 19 Uhr in der Katholischen Akademie Bayern an der Münchner Mandlstraße 23 einen Vortrag. (…) Wir sprachen vorab mit ihr. (…)

 

Wie religiös ist der Tatort?

So religiös wie die Bundesrepublik. Er ist eine Art Spiegel. Das äußert sich in Details, wenn zum Beispiel die Konstanzer Kommissarin Klara Blum aus der Messe kommt und zu ihrem Chef sagt: „Heute nicht, heute ist Sonntag.“ Auf so etwas muss man beim „Tatort“ nicht bewusst achten, aber es ist vorhanden. (…)

 

In einer Zeit, in der sich Menschen von der Religion entfernen, nehmen (…) religiöse Motive zu?

Ja. Vielleicht wird Religion gerade deswegen wieder thematisiert, weil etwas fehlt, weil eine gewisse Leere entstanden ist. Die Leute bleiben aber trotzdem mit Krankheit, Tod und Leid konfrontiert. Da gibt es auch metaphysische Erfahrungen, das kann man ja nicht einfach wegdiskutieren. Haben Sie 2009 diese wunderschöne Folge gesehen, wo Batic und Leitmeyr mit Esotherikern konfrontiert werden (…)? Darin sind alle Spinner, aber diese eine Dame, eine Hellseherin, hilft bei den Ermittlungen. Nur, weil Batic sich darauf einlässt, kann der Fall gelöst werden.

Interview: Patrick Wehner

Süddeutsche Zeitung
15. Januar 2013 – Seit den 90er Jahren beschäftigt sich der Tatort immer häufiger mit religiösen Themen, erklärt Stockinger. Der Glaube sei zwar selten die zentrale Frage. Aber bereits in mehr als der Hälfte der untersuchten Sendungen habe die erzählte Geschichte etwas mit Religion zu tun. Die Forscher haben viele Fakten zusammengetragen. Stockinger weiß, dass das Christentum mit 216 der untersuchten Folgen die dominierende Religion im Tatort ist, und dass in 91,7 Prozent dieser Folgen die katholische Version gezeigt wird, die evangelische Kirche sei vielleicht filmerisch weniger interessant.
Sie weiß, dass in Folgen über den Katholizismus besonders gern ein Martyrium präsentiert wird, gefolgt von Priestern, die das Beichtgeheimnis schützen, auch wenn sich ein Mörder seelisch erleichtert hat. Sie weiß auch, dass der Münchner Tatort nicht religiöser oder katholischer ist als der aus Kiel oder Frankfurt. Jakob Wetzel


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