Presseschau

27. September 2010

Romano Guardini Preis 2010

Süddeutsche Zeitung:
Sie hatten ihm eine halbe Münze in die Hand gedrückt, damit er sich ausweisen konnte bei diesem konspirativen Treffen. So stand Tomáš Halík am 21. Oktober 1978 vor dem Bischofshaus in Erfurt: die halbe Münze in der Hand, deren andere Hälfte Bischof Hugo Aufderbeck verwahrte. Am selben Abend wurde Halík, der junge Theologiestudent, im Geheimen zum katholischen Priester geweiht.

Publik Forum
Er ist Soziologe, an der Prager Karlsuniversität hat er den Lehrstuhl des einstigen Staatsgründers Tomáš Masaryk inne. Er ist Schriftsteller, Träger eines der höchsten Literaturpreise seines Landes. Und Tomáš Halík ist katholischer Priester, zurzeit Rektor der Prager Universität. Wäre da nicht der vermeintliche Makel des Priestertums in der säkularisierten Tschechischen Republik, der heute 62-Jährige hätte im Jahr 2003 vielleicht sogar ihr Staatsoberhaupt werden können, als Nachfolger und Wunschkandidat seines Freundes Vaclav Havel.

Würzburger Katholisches Sonntagsblatt
Die katholischen Dissidenten in tschechoslowakischer Haft haben nach den Worten des Theologen Tomáš Halík in den 1950er und 1960er Jahren ähnlich gedacht wie die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). Sie hätten eine „mehr dialogische, ökumenische und dienende Kirche“ gewollt, sagte Halík vor Journalisten in München. In der Haft hätten die katholischen Theologen auch Kontakt mit Protestanten und Humanisten gehabt, sagte Halík. „Sie verspürten einen spontanen Ökumenismus.“

Münchner Kirchenzeitung
In einer Feierstunde, die am Vorabend des Gedenktages des Heiligen Wenzel stattfand, würdigte Akademiedirektor Florian Schuller den Preisträger als „eine in vielerlei Hinsicht vorbildhafte Persönlichkeit“. Halík, der 1948 in Prag geboren wurde, stand während der kommunistischen Zeit als „Feind des Regimes“ unter ständiger Bewachung. Trotzdem gelang es ihm, im Untergrund katholische Theologie zu studieren. Am 21. Oktober 1978 erhielt er in Erfurt heimlich die Priesterweihe.

Nachrichtenagentur Kathpress
Seine heimliche Priesterweihe empfing Halík 1978 in Erfurt, danach arbeitete der Geistliche in der Untergrundkirche. Er sei der erste geweihte Priester des Pontifikats von Johannes Paul II. gewesen, sagte der Soziologe. Seine Weihe fand am Vorabend der Inthronisation des Papstes statt. Außerdem habe er dem polnischen Papst am Vorabend des Mauerfalls zu einem privaten Abendessen im Vatikan getroffen. Schon damals habe der Papst mit Blick auf die Fernsehbilder gesagt, dass dies der Untergang des Kommunismus sei.

Nachrichtenagentur dapd
Halík sei ein christlicher Denker aus tiefgründiger, offener Katholizität, heißt es in der Preisbegründung. Es gehe ihm um eine geistige Diagnose der Gegenwart und zugleich als Zeugnis christlichen Glaubens um Hilfe zum Leben für jene Menschen, die in der Unübersichtlichkeit unserer Zeit nach Orientierung suchen.

Christ in der Gegenwart
In seiner sehr persönlich gehaltenen, gefühlsbewegten Laudatio sagte der tschechische Außenminister Karl Fürst zu Schwarzenberg, Halík sei ein Mensch, für den die Wahrheit stärker sei als die Macht. Aufgewachsen im Geist der Liberalität habe er den katholischen Glauben gesucht. Er sei in dieser Weite ein Wahrhaft „christlicher Netzwerker“ geworden.

Katholische Nachrichtenagentur
Sich mit dem Establishment anzulegen, liegt dem 62-Jährigen. Vorgedachtes wiederzukäuen ist seine Sache nicht. Den Traum von einer christlich geprägten Post-Wende-Gesellschaft hat er nicht mitgeträumt, sondern schon früh als Nostalgie verworfen. Und als sich im ersten Jahrzehnt nach der politischen Wende in der tschechischen Kirche alles um die Fragen von Rückgabe und Entschädigung für enteignete Güter aus vorkommunistischer Zeit zu drehen schien, forderte er längst eine Kirche, die sich mental aus dem Ghetto der Verfolgung löst und ganz neu lernt, mit einer völlig veränderten Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.

Bayerische Staatszeitung
Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) überbrachte das Grußwort der bayerischen Staatsregierung. Der Außenminister der Tschechischen Republik, Fürst Karl zu Schwarzenberg, hielt die Laudatio auf den Preisträger, der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, das Schlusswort. Neben dem tschechischen Botschafter in Deutschland, Rudolf Jindrak, nahmen viele Vertreter des öffentlichen und politischen Lebens in Bayern an der Preisverleihung, zu der Akademiedirektor Florian Schuller geladen hatte, teil.

Münchner Merkur
Der Romano Guardini Preis wird seit 1970 alle zwei Jahre in Erinnerung an einen der bedeutendsten katholischen Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts verliehen und ist mit 10 000 Euro dotiert. Geehrt werden Persönlichkeiten, die „hervorragende Verdienste um die Interpretation von Zeit und Welt auf allen Gebieten des geistigen Lebens geleistet haben“.

 

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