Presseschau

22. März 2014

NS-Raubkunst. Spätschuld, Folgen und Konsequenzen

Dr. Walter Schön, Amtschef des Bayerischen Justizministeriums (links) und Prof. Dr. Michael Wolffsohn (rechts) auf dem Podium.
Unter anderem auf dem Podium: Dr. Walter Schön, Amtschef des Bayerischen Justizministeriums (li.) und Prof. Dr. Michael Wolffsohn, der in einem Einleitungsreferat die gesamte Spannweite der Problematik aufgezeigt hatte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

24. Februar 2014 – Auf Tagungen von Akademien kommt es selten vor, dass ein Publikum „Bravo“ am Ende eines Vortrags ruft. Am vergangenen Wochenende allerdings, geschah genau das, als die Kunsthistorikerin Meike Hopp vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte sprach, zu „Problemfeldern der Proventenzforschung“ anhand des Beispiels von Cornelius Gurlitt. Wer also glaubt, zu diesem Fall sei langst alles gesagt, der wurde hier eines Besseren belehrt „NS-Raubkunst. Spätschuld, Folgen und Konsequenzen“ lautete der Titel einer Tagung in der Katholischen Akademie München. Zu den vier Vortragenden zählte auch ein Abgesandter des Bayerischen Justizministeriums, Amtschef und Ministerialdirektor Walter Schön.

Wie von katholischen Akademien nicht anders zu erwarten, bemühten sich die Veranstalter, neben den juristischen Begriffen auch einen ethischen, theologischen Aspekt in Umlauf zu bringen: die Versöhnung. Die Versöhnung zwischen Opfern und Tätern, zwischen Räubern und Beraubten, die der Historiker Michael Wolffsohn ins Zentrum seines Vortrags zu „Räuber, Beraubte und ihre Nachfahren. Über Schuld, Umkehr, Sühne und Versöhnung“ stellte, mit dem die Münchner Tagung eröffnete. Julia Voss

 

Süddeutsche Zeitung

24. Februar 2014 – Am Freitag gab die Staatsministerin für Kultur- und Medien, Monika Grütters, bekannt, dass Bund-, Länder- und Kommunen ein Deutsches Zentrum für Kulturgut-Verluste mit Sitz in Magdeburg etablieren wollen. (…)

Die Nachricht von der neuen Stiftung beherrschte am Samstag die sachlich-nachdenkliche Tagung der Katholischen Akademie München zum Thema NS-Raubkunst, der Spätschuld, ihren Folgen und ihren Konsequenzen. Wenn nur einiges von dem, was Wissenschaftler auf dem Podium anmahnten in die Arbeit des neuen Zentrums einfließt, wäre viel gewonnen. Ira Mazzoni

 

Münchner Merkur

24. Februar 2014 – Eigentlich sollte es ja nicht um Cornelius Gurlitt und seine Bilder gehen, sondern um NS-Raubkunst allgemein – um Eigentum, Strafe und Versöhnung. Der Schwabinger Kunstfund war aber Anlass für die Tagung der Katholischen Akademie am Wochenende in München. Deswegen wurde natürlich auch über die Sammlung gesprochen, deren Untersuchung mittlerweile eine eigene „Taskforce“ beschäftigt. (…)

Gurlitt habe sich nicht freiwillig gemeldet, erinnert Ministerialdirektor Walter Schön. Stellvertretend für Bayerns Justizminister Winfried Bausback (CSU) wirbt er dafür, bei „Bösgläubigkeit“ die Verjährungsfrist aufzuheben. Dann wären rechtliche Schritte möglich, wenn der aktuelle Besitzer von der zweifelhaften Herkunft wusste oder diese vermuten konnte. Veronique Brüggemann

 

Augsburger Allgemeine

24. Februar 2014 – Die Experten sind sich einig: Für Provenienzforschung ist mehr Geld nötig. Mehr als die 2,7 Millionen Euro, die der Bund derzeit jährlich für die Herkunftsforschung von Kunstobjekten ausgibt. „Was wir für die Zukunft brauchen, sind feste Stellen, vielleicht sogar Kompetenzzentren, die Quellenmaterial zugänglich machen und unterstützend und koordinierend tätig sein können", mahnte die Kunsthistorikerin Meike Hopp.

Es sei nicht nachhaltig, Mittel nur befristet und projektbezogen zu vergeben, kritisierte die Mitarbeiterin des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München. Hopp und ihre Fachkollegen begrüßen diesbezüglich die jüngst angekündigte Gründung einer Stiftung für Provenienzforschung.

 

Katholische Nachrichten-Agentur

24. Februar 2014 – Die Reaktion auf den Fall Gurlitt sei gigantisch gewesen. Weltweit schaue die Öffentlichkeit auf Deutschland, sagte die Leiterin der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, Ingeborg Berggreen-Merkel, am Samstag in München bei einer Fachtagung der Katholischen Akademie in Bayern zum Thema „NS-Raubkunst“. (…)

Der Münchner Historiker Michael Wolffsohn hat den Glauben an Recht und Gerechtigkeit längst verloren. Auch seine Familie wurde in der NS-Zeit enteignet und bekam nie Entschädigung dafür. Die Nachfahren der Täter- und Opferfamilien sollten vielmehr durch Wahrheit auf Versöhnung und Frieden setzen, rät er. Dazu gehöre auch, dass in Wohlstand lebende Erben der Opfer auf das einst geraubte Familieneigentum verzichteten. Doch sollte dieses dauerhaft gekennzeichnet sein, damit das „Kainszeichen“ auf immer sichtbar bleibe. Barbara Just

 

24. Februar 2014 – Lediglich vier Personen haben nach Angaben des Anwalts Hannes Härtung bisher Ansprüche auf Bilder aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt erhoben. Zugleich verlangte der Rechtsvertreter des 81-Jährigen auf einer Tagung am Samstag in München für seinen Mandanten die gleiche Behandlung wie für andere private Sammler. Nur weil er der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt sei, dürfe für ihn keine Sippenhaft gelten, so Härtung auf der Veranstaltung der Katholischen Akademie in Bayern zur „NS-Raubkunst“. Härtung ist einer von vier Anwälten Gurlitts. Der Anwalt verwies darauf, dass die Werke nicht komplett über die Jahre gebunkert worden seien. Viele, wie etwa das Bild mit den beiden Pferden von Max Liebermann, seien in Ausstellungen zu sehen gewesen. Die Leiterin der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, Ingeborg Berggreen-Merkel, sagte, von den rund 1.300 von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten Kunstwerken sei jedoch nur bei etwa 590 nicht auszuschließen, dass es sich um Raubkunst aus der Nazi-Zeit handele.

 

28. Februar 2014 – Justizminister Winfried Bausback (CSU) hat am Donnerstag im Bayerischen Landtag sein Kultur-Rückgewähr-Gesetz präsentiert. (…)

Der Minister plädierte dafür, das Verjährungsproblem endlich anzugehen. (…)

Der Amtschef des Justizministeriums, Walter Schön, hatte jüngst bei einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern zur „NS-Raubkunst“ ebenfalls die Problematik der Verjährung angesprochen. Selbst wenn sich die genaue Herkunft eines Kunstwerks genau belegen lasse und deutlich geworden sei, dass dieses auch im Nachhinein weder jemand gutgläubig ersteigert oder ersessen habe, sei der Anspruch nach 30 Jahren Besitz verjährt. Schön bezeichnete dies als „unerträglich“.

28. Februar 2014 – Die Buchheim-Stiftung hat angekündigt, den Bestand ihres Museums einer „fachkundigen Provenienzforschung“ zu unterziehen. Entsprechende Fördermittel sollen beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien beantragt werden, teilte die Stiftung am Mittwoch in Bernried mit. (…)

Am vergangenen Wochenende appellierte die Leiterin der Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, Ingeborg Berggreen-Merkel, bei einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern auch an private Sammler, die Herkunft ihrer Werke freiwillig prüfen zu lassen. Es gebe bei diesem Thema eine „unendlich große Erwartung an Deutschland“.

 

Die Zeit

27. Februar 2014 – Akademie in München war brechend voll, als dort am vorigen Samstag über das Thema NS-Raubkunst debattiert wurde, nicht weit entfernt von der Wohnung Cornelius Gurlitts. Um den ging es letztlich. Zuerst sprach Michael Wolffsohn, Professor an der Universität der Bundeswehr München, über das tragische Schicksal seiner jüdischen Familie, über Recht und Gerechtigkeit, angefangen bei Kain und Abel über den Dreißigjährigen Krieg bis zum Holocaust und zum Auschwitzprozess. Das Ergebnis: „Rechtsakrobatik ergibt kein Recht. Das gilt auch für den Fall Gurlitt.“ Seine Forderung: Versöhnung, die dadurch stattfinden soll, dass die heute im Wohlstand lebenden Nachfahren auf das den Juden Geraubte verzichten. (…)

Der Höhepunkt der Tagung war der Auftritt von Frau Berggreen-Merkel, der Vorsitzenden der von Bayern und dem Bund eingesetzten „Taskforce“ im Fall Gurlitt. Auf die Frage nach der juristischen Legitimation dieser Arbeitsgruppe kam die Antwort, deren Angehörige seien Hilfsbeamte der Staätsanwaltschaft bei der Aufklärung von Steuerstraftaten und müssten dafür die Herkunft aller beschlagnahmten 1280 Bilder prüfen. Dabei schien ihr gleichgültig, dass diese möglichen Steuervergehen höchstwahrscheinlich alle schon verjährt sind. Uwe Wesel

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