Presseschau

04. Dezember 2015

Nacht.Leben

Süddeutsche Zeitung

30. November 2015 – Eine Tagung in der Katholischen Akademie in Schwabing beleuchtet, wie die Gesellschaft ihren Rhythmus immer stärker in die Dunkelheit verlegt und was das für Auswirkungen hat – auch auf die Teilnehmer der „Nachtung“. (…) Die Wortkreation wurde mit Bedacht als Untertitel für eine gemeinsame Tagung gewählt, zu der die Evangelische Akademie Tutzing, die Katholische Akademie in Bayern und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche (kda) nach Schwabing eingeladen hatten. Die „Nachtung“ (…) sei schließlich zunächst „das Gegenteil einer Tagung“, weil sie schließlich während der ganzen Nacht stattfinde. Zudem werde „die Nacht als Thema beleuchtet“.
Und das in seinen verschiedenen Facetten: Die Chronobiologin Martha Merrow referiert auf English über den Tag-Nacht-Rhythmus, den „Rhythm of Life“, der Vorsitzende der Ornithologischen Gesellschaft in Bayern, Manfred Siering, wird die Nachtungs-Teilnehmer weit nach Mitternacht ins Dunkel des Englischen Gartens führen, Thomas Kessler vom Kanton Basel-Stadt über Sperrstunden, nächtliches Flugverbot und ähnliche Themen der Dunkelheit sprechen und der Freiburger Psychologe und Humanbiologe Marc Wittmann über nächtliche Zeitwahrnehmung und darüber, „dass wir verlernt haben, zu warten“. (…)
Eine Langzeiterfahrung der anderen Art aber haben die Nachtungs-Teilnehmer am Samstagmorgen hinter sich. Um 7.37 Uhr stehen sie am Kleinhesseloher See und blinzeln in die aufgehende Sonne. Die Nacht war verdammt lang, mit Exkursionen, Vorträgen und gemeinsamen Gesprächen. Thomas Anlauf

Kreisbote Starnberg

2. Dezember 2015 – Eine Tagung findet am Tag statt, eine „Nachtung“ in der Nacht. Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Veranstaltungsformat kam von Martin Held, Studienleiter der Evangelischen Akademie Tutzing, der in Kooperation mit Philip Büttner, Referent des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, und Astrid Schilling von der Katholischen Akademie Bayern zu einem Selbstversuch in die Akademie nach München lud. (…)
Licht ist in den vergangenen Jahren immer günstiger geworden und die Städte dadurch immer mehr beleuchtet. Das wirkt sich auch auf das Nachtleben aus. Der Wissenschaftler Murray Melbin spricht in diesem Zusammenhang bereits 1987 von der „Kolonisierung der Nacht“, man kann nun auch die Nacht nutzen. (…) Wären da nicht die Gene. Der Mensch ist ein tagaktiver Primat und das Vordringen in die Nacht nicht ganz unproblematisch, (…) Professorin Martha Merrow erklärte, warum: „The circadian clock is pervasive“, die zyklische Uhr ist allgegenwärtig. (…) Gegen den Takt des Biorhythmus zu leben, sei auf Dauer schädlich, sagte Merrow. Dennoch ticke jeder Biorhythmus anders, jeder Biorhythmus sei verschieden. (…)
Der einzige Faktor, der allen Rhythmen gemein ist und den wir regulieren können, ist also das Licht. (…) Natürliche Dunkelheit wird knapper, der Schutz von „Dunkelgebieten“ als Weltkulturerbe wird ernsthaft in der UNESCO diskutiert. (…) Auf der Suche nach Vögeln und deren Rufen startete eine Exkursion um 1 Uhr in den Englischen Garten. Auf der von Manfred Siering geführten Tour wurde jedoch schnell klar, dass der Park von Licht und Lärm „verschmutzt“ ist. Carolin Dameris

WOZ Die Wochenzeitung (Zürich)

21. Januar 2016In München ist die Nacht noch jung, als ich mich kurz nach neun in eines der beiden Taxis quetsche. Urbane Nachtlandschaften wollen wir erkunden – „citynightscapes“. Klingt verheissungsvoll. Als Erstes dann prompt ein Déjà-vu: der Münchner Hauptbahnhof. Und wo man bei Tag noch en passant feststellte, dass auch dieser Bahnhof eine permanente Baustelle ist, steigt jetzt, wo wir neben einer der Gitterabschrankungen etwas abseits vom Gewusel beim Haupteingang stehen, ein zunehmend penetranter Uringeruch in die Nase, durch den die Worte des Exkursionsleiters nur noch bruchstückhaft dringen. Zweite U-Bahn-Röhre … Fertigstellung ungewiss … Geld ausgegangen. Professor Henckel, der keine drei Stunden zuvor darüber klagte, wie künstliche Beleuchtung die Nacht kolonisiert, knipst wild in der Gegend herum.
Ein bisschen klick, klick, klick ist auch in meinem Kopf, wie ich mich kurz vor Mitternacht im Glasbau des „Café Ludwig“ im Petuelpark mit einer Tasse Glühwein wärme. Irgendwie will aus den vergangenen Stunden kein kontinuierlicher Film entstehen. Es ist eher wie im Experimentalkino: sich wiederholende Sequenzen, in denen ich wie Stanley Kubricks Astronaut in „Space Odyssey“ quasi körperlos durch einen farbigen Lichttunnel rase. Dann plötzlich stopp, schwarz. Einzelne Bilder, wie Blitze. Der gleißende Scheinwerfer, auf die gigantische Bavaria-Statue in meinem Rücken gerichtet: Er blendet so sehr, dass die Theresienwiese nur mehr als großes, schwarzes Rechteck erkennbar ist. Die ausgebleichten Leuchtreklamen an den Wänden der Bushaltestellen auf der Donnersbergerbrücke. Der vermeintlich dunkelste Ort Münchens, im Park von Schloss Nymphenburg – und plötzlich durchschneidet der Strahl einer Velohelmlampe die Nacht, dass es die Augen schmerzt. Franziska Meiser

 

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