Presseschau

18. März 2016

Mein Leben für Amazonien

Münchner Kirchenzeitung

Ausg. 09/2016 – Bischof Erwin Kräutler sprach in der Katholischen Akademie in München. „Als ich vor 35 Jahren zum Bischof geweiht wurde, haben sich die Menschen von mir gewünscht, dass ich das Bistum nicht nur vom Schreibtisch aus verwalten, sondern zu ihnen kommen soll.“ Genau das tut Dom Erwin bis heute, obwohl er bald sein 77. Lebensjahr vollendet. Er reist auf Straßen, die im Sommer staubtrocken und in der Regenzeit schlammig sind. Oft sitzt er in kleinen Booten, die auf Flüssen die Gegenden erschließen, wo keine Straße mehr hinführt. (…) Als Erwin Kräutler als junger Priester vor mittlerweile 50 Jahren in Amazonien ankam, warnten ihn vermeintlich wohlmeinende Weiße davor, sich um die Indios zu kümmern. Sie würden ohnehin bald aussterben, so ihre zynische Logik. „Gott sei Dank, war das nicht der Fall!“, sagt Dom Erwin. Das haben die Ureinwohner auch ihm zu verdanken, denn Bischof Kräutler setzt sich bis heute entschieden für ihre Rechte ein. 1988 erreichte er als Präsident des indigenen Missionsrates der brasilianischen Bischofskonferenz, dass in die Verfassung des Landes zwei „Indioartikel“ eingearbeitet wurden. Sie garantieren seither, dass Indios das Recht auf ihr Land haben und das Recht auf ihre Kultur. „Das war damals fast ein Wunder, dass uns das gelungen ist“, erinnert er sich dankbar. „Denn seither begeht jeder, der Indios vertreibt, einen Verfassungsbruch.“ Nicht immer führt sein Engagement zu solch positiven Ergebnissen. Den Bau des Staudamms Belo-Monte am Rio Xingú konnten er und seine Mitstreiter nicht verhindern, obwohl er dramatische Folgen für die Natur hat und die dort lebenden Indios bedroht. (…) Als einer, der für die Indios und für die Armen eintritt, legt sich Dom Erwin mit den großen Unternehmen an, die die Amazonasregion ausbeuten wollen. Baufirmen, Holzunternehmen, Großgrundbesitzer – sie alle sind nicht unbedingt gut auf ihn zu sprechen. 1983 wurde er bei einer Demonstration von Arbeitern, die keinen Lohn erhalten hatten, von der Polizei zu Boden geworfen und verprügelt. „Ich weiß seither, wie sich das anfühlt, wenn man so gedemütigt wird“, beschreibt er seine Empfindungen. Bischof Kräutler erhielt immer wieder Todesdrohungen und wurde 1987 bei einem Attentat schwer verletzt. (…) „Obwohl wir Priester so viel unterwegs sind, haben 70 Prozent der Pfarreien nur drei- bis viermal im Jahr eine Eucharistiefeier“, erklärt er. (…) Deshalb wird in seinem Bistum viel dafür gebetet, dass Rom für Amazonien weitere Möglichkeiten zur Feier der Eucharistie zulässt. Diese müssten nicht gleich global gelten, „sondern für unsere eucharistielosen Gemeinden“, wie Kräutler betont. Diesen Wunsch habe er auch gegenüber Papst Franziskus geäußert, der daraufhin ermutigte, dass die brasilianische Bischofskonferenz über dieses Problem „mutig nachdenken“ solle. Gabriele Riffert

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