Presseschau

09. November 2015

Kardinal Michael von Faulhaber

KNA

 

28. Oktober 2015 – Auszüge aus den Tagebüchern des Münchner Kardinals Faulhaber (1869-1952) sind ab sofort online zugänglich. Die Leiter eines wissenschaftlichen Editionsprojekts gaben die Texte am Mittwochabend in der Katholischen Akademie Bayern frei. Unter www.faulhaber-edition.de sollen im Lauf von zwölf Jahren alle persönlichen Aufzeichnungen Faulhabers aus seiner Zeit als Bischof von Speyer und Erzbischof von München und Freising im Internet veröffentlicht werden. (…)

Jahrzehntelang lagerten die Tagebücher privat bei Faulhabers einstigem Sekretär, bis sie 2010 ins Münchner Erzbischöfliche Archiv kamen. Kardinal Reinhard Marx entschied sich daraufhin für eine vollständige Veröffentlichung. (…) „Die Tagebücher bieten intime Einblicke in das Seelenleben des Erzbischofs, aber auch eine detailreiche neue Perspektive auf die turbulentesten Jahre der deutschen Geschichte“, sagte der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Er leitet das Projekt gemeinsam mit dem Münchner Zeithistoriker Andreas Wirsching. Christoph Renzikowski

 

Süddeutsche Zeitung

 

28. Oktober 2015 – Seit zwei Jahren entschlüsseln Wissenschaftler des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster Faulhabers private Tagebücher, die der Kardinal in der heute nicht mehr gängigen Gabelsberger-Kurzschrift verfasst hat. An diesem Mittwoch werden die ersten Ergebnisse im Internet veröffentlicht. Einer der Projektleiter, der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf, verrät, was Forscher lernen können, wenn ein Erzbischof kein Blatt vor den Mund nimmt.

SZ: Herr Wolf, Sie haben sich zwei Jahre lang mit Faulhabers privaten Tagebüchern beschäftigt – was haben Sie über ihn gelernt?

Wolf: Ich bin dabei erstmals seinem eigenen Denken nähergekommen, (…) 1933 haben wir einen Tagebucheintrag, in dem deutlich wird, dass er strikt gegen die Wiederbewaffnung ist und strikt gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. (…) Weil er gelernt hat! Und weil er einer der wenigen im deutschen Episkopat war, die Mitglied im Friedensbund Deutscher Katholiken waren. (…)

Und sein Verhältnis zu den Juden?

Da bleibt ein differenziertes Bild. (…) Er klagt etwa darüber, „die Juden“ seien an der Revolution von 1918 maßgeblich beteiligt. Aber genau dieser Bischof kann auch 1928 sagen: Wir müssen diese furchtbare Formulierung von den „treulosen Juden“ in der Karfreitagsfürbitte abschaffen.

Faulhaber hat 42 Jahre lang Tagebuch geschrieben. Finden Sie da in seinen Tagebüchern nicht viel Banales?

Doch, schon. Aber wer weiß schon, wie so ein Tagesablauf eines Bischofs ist? Es gab noch nie ein Ego-Dokument. Und besonders spannend sind die Beiblätter (…). Faulhaber hat sich abends hingesetzt und seine Notizen nachträglich erläutert. Jakob Wetzel

 

Münchner Merkur

 

29. Oktober 2015 – Die Literatur über den Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952), einem ultrakonservativen, zugleich aber charismatischen Kirchenfürsten, füllt ganze Regalmeter. (…) Groß war das Erstaunen vor einigen Jahren, als bekannt wurde, dass der Kardinal selbst Regale füllte – mit seinen Tagebüchern, die er über 40 Jahre führte. Fast 30.000 Textseiten in der heute nicht mehr gebräuchlichen Gabelsberger Stenoschrift wurden im Nachlass eines verstorbenen Pfarrers entdeckt.

Die schwer lesbaren Notizen werden seit zwei Jahren von einem Expertenteam des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und der Universität Münster entziffert und wissenschaftlich kommentiert. (…) Gestern Abend haben die Projektleiter Andreas Wirsching (IfZ) und Hubert Wolf (Münster) in der Katholischen Akademie eine erste Bilanz gezogen. Deutlich wird, dass der konservative Kardinal während der Münchner Revolutionstage von einer existentiellen Lebensangst gequält wurde.

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

4. November 2015 – Fünfzig Jahre, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil am 28. Oktober 1965 das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum neu definierte, konnten in München die ersten Tagebücher von Michael Kardinal von Faulhaber veröffentlicht werden. Der wortgewaltige und wegen seiner Einstellung zur Weimarer Republik wie zum nationalsozialistischen Deutschland umstrittene Kardinal hatte mehr als 40 Jahre bis zu seinem Tod 1952 jeden Tag in persönlichen Aufzeichnungen festgehalten. (…)

Während der politische Umbruch 1918/19 Faulhaber persönlich stark mitnimmt, kommentiert er den Umbruch 1933 eher sachlich. An der Monarchie hing sein Herz, an der Weimarer Republik nicht. Ordnung soll herrschen, und in Berlin nicht wieder das Chaos einziehen. (…)

Seine Persönlichkeit bleibt in den Tagebüchern ambivalent und schillernd. Was sein Verhältnis zu den Juden betrifft, so vermengt sich ein gewisser religiöser Antijudaismus mit der unkritischen Übernahme von Begriffen aus dem politischen Antisemitismus („Judenstämmling“). Für Faulhaber waren vor Gott zwar alle Menschen gleich und nicht in Rassen zu gliedern; dennoch verurteilt er den ersten Judenboykott 1933 nicht. (…)

Da derzeit erst knapp 500 der insgesamt 15.000 Tage aus den Aufzeichnungen Faulhabers erschlossen und online abrufbar sind, kann über die schließliche Wirkung der Edition noch nichts gesagt werden. Vielen Fragen nähern sich die Editoren erst: (…) Wie steht er zur nie veröffentlichten Enzyklika „Humani generis unitas“ mit der Verurteilung der nationalsozialistischen Rassenideologie von Papst Pius XI.? Die Antworten werden innerhalb der nächsten zehn Jahre im Netz nachzulesen sein. Myriam Hönig

 

Münchner Kirchenzeitung

 

8. November 2015 – Da waren selbst die Forscher und Experten überrascht: 13 Arme gingen hoch, als Akademiedirektor Florian Schuller danach fragte, wer von Kardinal Faulhaber gefirmt worden sei. So lange liegen die Zeiten also noch nicht zurück, in denen Michael von Faulhaber als Münchner Erzbischof firmend durch sein Bistum zog – und eine der ganz großen Gestalten des Deutschen Katholizismus war. (…)

Kardinal Friedrich Wetter verwies in seinem Grußwort darauf, dass Faulhaber während des Krieges und in der Nachkriegszeit als Kämpfer gegen den Nationalsozialismus gegolten habe. Mit der Öffnung des Faulhaber-Archives anlässlich des 50. Todestages im Jahr 2002 habe das Erzbistum ein gutes Beispiel für Transparenz vorgelegt. Auch wenn es manchmal schmerzhaft sei, habe man keine Angst vor der Wahrheit. Er wünsche noch, dass durch die vorgelegte Edition „ein Lichtstrahl der Wahrheit auf Faulhaber und sein Zeit“ falle, so Wetter. (…)

Auch die Münchner Kirchenzeitung und der Katholische Pressverein, später umbenannt in Sankt Michaelsbund, finden sich in den Tagebüchern wieder. „Die Blätter des Pressvereins arbeiten mit einem Deficit“, schreibt Faulhaber und führt Gedanken zur Finanzierung und Vorschläge von Beratern an. (…)

Schon jetzt zeichnen sich weitere Forschungsprojekte ab. Man werde das Netzwerk Faulhabers erforschen und auch sein Verhältnis zur amerikanischen Kirche darstellen. Möglicherweise war der Münchner Kardinal ein Wegbereiter der späteren USA-Reise seines Freundes Eugenio Pacelli, Papst Pius XII. Georg Walser 

 

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