Presseschau

18. März 2016

Historische Tage

Münchner Kirchenzeitung

Ausg. 09/2016 – Dunkles Mittelalter? Von wegen! Zwei Florentiner Lichtgestalten, dem Maler Giotto und dem Schriftsteller Boccaccio, widmete sich jüngst die Katholische Akademie. (…) Vom Hüterbub, der seine Schafe in den Sand zeichnete und dessen Talent entdeckt wurde, zum umjubelten Stammvater europäischer Malerei – höher konnte Giotto, der Sohn eines Schmieds, auf der Karriereleiter nicht steigen. Dass der Tafel- und Freskomaler, selbst von Gestalt klein und hässlich, dafür aber mit einem ausgezeichneten Verstand und einem ausgewiesenen Künstlerselbstverständnis ausgestattet, ein neues Kapitel der Kunstgeschichte in Italien um 1300 aufschlug, wussten bereits seine Zeitgenossen. Boccaccio schrieb über ihn in seinem weltberühmten Decameron: „Er war mit so vorzüglichen Talenten begabt, dass die Natur, welche die Mutter aller Dinge ist, deren fortwährendes Gedeihen durch das unablässige Kreisen der Himmel bewirkt wird, nichts hervorbringt, was er mit Griffel, Feder oder Pinsel nicht dem Urbild so ähnlich darzustellen gewusst hätte, dass es nicht als ein Abbild, sondern als die Sache selbst erschienen wäre, weshalb denn der Gesichtssinn der Menschen nicht selten irregeleitet ward und für wirklich hielt, was nur gemalt war.“ In seinen Reflexionen über „Giotto di Bondone als Wegbereiter der neuzeitlichen Malerei“ thematisierte der Kunsthistoriker Wolfgang Augustyn die Analogie zwischen Rhetorik und Malerei. Mit seinem scharfen Verstand erforschte Giotto den Sehprozess. Er führte technische Neuerungen wie die Perspektive ein. Er schuf Abbilder konkreter Ereignisse. So wurden seine Bilder zu Fenstern mit Ausblick zur Welt. Angelika Irgens-Defregger

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