Presseschau

09. Mai 2011

Die Weiße Rose im Widerstand

Katholische Nachrichtenagentur
11. Mai 2011 – „Wir schweigen nicht, wir sind euer böses Gewissen; die Weiße Rose lässt euch keine Ruhe!“ Als Hans Scholl diese Zeilen schrieb, konnte er nur hoffen, dass seine Worte wahr werden würden. Heute, 68 Jahre nach dem gewaltlosen Widerstand der Münchner Studenten steht fest: Er hatte Recht. Noch immer bewegt ihr Einsatz gegen das NS-Unrechtsregime, der einige von ihnen das Leben kostete, noch immer ist das Interesse an den damaligen Geschehnissen groß. So überraschte am Montagabend in München auch nicht der Andrang von rund 200 Besuchern bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie in Bayern. Anlässlich des 90. Geburtstags von Sophie Scholl sprach der Münchner Historiker Hans Günter Hockerts über „gesicherte Deutung“ und „strittige Fragen“ in Bezug auf die Beweggründe der Widerstandsgruppe.
Wissenschaftlich debattiert wird nach wie vor darüber, welche Rolle die Religion für die Weiße Rose hatte. Hockerts stuft sie weit geringer ein als andere Autoren. Zwar seien religiöse Argumente in den ersten vier der insgesamt sechs Flugblätter durchaus vorhanden. Gerade in den letzten beiden Schriften sei der Ton jedoch pragmatisch. Die Studenten erinnern darin an die enormen Rüstungskapazitäten Amerikas und warnen vor der bevorstehenden Niederlage Deutschlands. Religiöse Aspekte kommen laut Hockerts kaum mehr zur Sprache. (…)
Die Basis für den Widerstand sei gewesen, „was man christlich-humanistische Grundsubstanz nennen könnte“, erklärte der Professor. Dabei habe die Freiheit im Mittelpunkt gestanden. Wie sehr diese damals gefehlt habe, zeigte am Ende des Vortrags eindrucksvoll die Erzählung einer Zeitzeugin im Publikum. „Eisernes Schweigen“ habe damals in der Münchner Universität am Tag nach der Verhaftung der Geschwister Scholl geherrscht. „Jeder riskierte alles, wenn er jetzt gemuckst hätte, das kann man heute nicht mehr verstehen“, sagte die Münchnerin und fügte mit brüchiger Stimme hinzu: „Das soll keine Entschuldigung sein, aber eine Erklärung.“ Ronja von Wurmb-Seibel

Münchner Kirchenzeitung
22. Mai 2011 – Am 19. Februar 1943, einen Tag nach der tollkühnen Flugblattaktion der Geschwister Scholl in der Münchner Universität und ihrer anschließenden Verhaftung, kam eine große Zahl Studenten und Professoren zu einer Kundgebung an der „Alma Mater“ zusammen. Ihre Solidarität galt allerdings nicht den beiden Verhaftetn, sondern der nationalsozialistischen Staatsführung. Der Hausmeister Jakob Schmied, ein strammer SS-Mann, der die beiden ertappt und in das Rektorat gebracht hatte, wurde gefeiert wie ein Volksheld. „Hängt sie auf, hier an den Bäumen!“ skandierten die Versammelten in lärmenden Sprechchören.
Als eine Zeitzeugin, die bei der gespenstischen Kundgebung 1943 dabei war, diese Parolen zitierte, wurde es totenstill in der Münchner Katholischen Akademie, wo man am 9. Mai des 90. Geburtstags von Sophie Scholl gedachte und strittige Fragen zum Widerstand der „Weißen Rose“ erörterte. Professor Hans Günter Hockerts, emeritierter Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der LMU, wertete solche Zeugnisse als Beleg dafür, dass sich Widerstandsgruppen wie die „Weiße Rose“ geirrt hätten, wenn sie die Studenten- und Professorenschaft als Bündnispartner gewinnen wollten. Christian Feldmann


Die Tagespost
14. Mai 2011 – Was hätten wir gedacht, wie gehandelt, wie gefühlt an jenem Tag als die Studenten der Ludwigs-Maximilians-Universität München auf dem heutigen Geschwister-Scholl-Platz standen und einer NS-Gruppe zuhören mussten, die skandierte, die Scholls sollten auf den Bäumen dieses Platzes gehängt werden? Davon berichtet eine „Freundin der besten Freunde der Weißen Rose“, wie sie es formulierte. Sie war damals heimlich gegangen. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie nach dem Vortrag über die Weiße Rose von Professor Hans Günter Hockerts in der Katholischen Akademie ans Mikrofon trat.
Der Vortrag war hauptsächlich ein Stück Aufarbeitung der deutschen Geschichte. Was die Zeitzeugin deutlich machte, war das Faktum, wie schwierig es war, Hitler die Stirn zu bieten. Es forderte Todesmut. „Klatschen sie jetzt, wenn Ihnen das Leben lieb ist“, zitierte eine Doktorandin einen weiteren Zeugen, der Ihr von derselben Episode vor der Uni erzählt hatte.
Die Mitglieder der Weißen Rose besaßen heroischen Mut. Sophie und ihr Bruder Hans verteilten am 18. Februar 1943 in der Münchner Uni 1500 Flugblätter. Sophie warf einige in den Lichthof. In den Flyern rief die Gruppe auf, „endlich aufzustehen, die Peiniger zu zerschmettern und ein neues, geistiges Europa aufzurichten“. (…)
Die Weiße Rose habe keine Wellen geschlagen. „Es ist ihr aber gelungen, Zeichen zu setzen“, stellte Hockerts fest und resümierte: Rechte wie die Freiheit des Menschen seien nicht selbstverständlich. Auch heute müssten solche Werte gepflegt werden. Tagtäglich. Clemens Mann

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