Presseschau

12. Januar 2011

Auswärtiges Amt und Drittes Reich

Katholische Nachrichten Agentur
15. Januar 2011 – Mit „Sprengpotenzial“ hatte Florian Schuller, Direktor der Katholischen Akademie Bayern, für diesen Abend nicht zu viel versprochen. Am 12. Januar wollte sein Haus einen „informativen und konstruktiven Beitrag zur brisanten Debatte über das Buch „Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“ leisten. Dafür traf einer der Autoren, der Jenaer Historiker Norbert Frei, im direkten Gespräch auf einen seiner schärfsten akademischen Kritiker, den Bonner Politologen Christian Hacke. (…)
Dem Wortgefecht zwischen Hacke und Frei lauschten nicht nur mehrere pensionierte Botschafter, sondern auch der Sozialphilosoph Jürgen Habermas, einer der Hauptakteure des sogenannten Historikerstreits in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als es ebenfalls um die Einordnung der NS-Verbrechen in größere Zusammenhänge ging.
Die Referenten gaben sich zunächst überraschend konziliant. Hacke lobte das Buch aufgrund seiner „enorm breiten und zum Teil unbekannten Quellenbasis“ und empfahl die Lektüre als „in vielerlei Hinsicht lohnend“. Was ihn nicht davon abhielt, es wenig später als „missglückt“ zu bezeichnen und die Autoren als „Fischers willige Helfer“ zu bezichtigen. Will heißen: Sie hätten sich für politische Zwecke instrumentalisieren lassen. Eine Unterstellung, die Frei empört zurückwies. In Situationen wie dieser verstand es der Potsdamer Historiker Thomas Brechenmacher als Moderator souverän, die Streithähne sachte wieder voneinander zu treffen. Christoph Schröder

Frankfurter Allgemeine Zeitung
14. Januar 2011 – Die Autoren von „Das Amt“ sind von der Heftigkeit der kritischen Reaktionen auf ihr Buch überrascht. Das sagte Norbert Frei in der Katholischen Akademie in München, wo er mit Christian Hacke, einem der kritischen Rezensenten, zu einem Disput zusammentraf. Im Lichte der Darstellung der Konzeption des Buches, die Frei in einem dreiviertelstündigen Vortrag gab, konnte diese Einschätzung der Rezeption verwundern. Wie der Zeithistoriker von der Universität Jena darlegte, war die von Außenminister Fischer berufene Historikerkommission im Zuge ihrer Forschungen zu der Überzeugung gelangt, sie müsse ihre Darstellung des Umgangs des Auswärtigen Amtes mit seiner Vergangenheit im Hitlerstaat bis zum historischen Moment ihrer eigenen Einsetzung fortführen. (…)
Kampagne pensionierter Diplomaten gegen den von Fischer verfügten Verzicht auf Nachrufe bei NS-Mitgliedschaften im Lebenslauf bildete in Freis Referat wie schon in Fischers Kommentaren zu den Ergebnissen der Kommissionsarbeit die Pointe und sozusagen den Beweis der Wahrheit der von der Kommission erzählten Geschichte. Die „Mumien“hätten sich demnach selbst überlistet und vor der Öffentlichkeit, an die sie appellierten, ihre sinistren Absichten enthüllt.Patrick Bahners

Die Tagespost
15.Januar 2011 – Geist und Gegengeist von 1968 konnte man am Mittwochabend in der Katholischen Akademie in München auch als Nachgeborener authentisch wehen fühlen, als der Jenenser Historiker Norbert Frei und der emeritierte Bonner Politikwissenschaftler Christian Hacke um die Studie „Das Amt“ stritten, oder besser einander bekriegten. Hacke, während der Studentenrevolte RCDS-Vorsitzender in Berlin und damit in Abwehrkämpfen gestählter Konservativer, griff Frei frontal an, der der Historikerkommission angehörte, die die Studie erarbeitete. Als Fischers „willige Helfer“ bezeichnete er die Kommission, anspielend auf Goldhagens umstrittenes Kollektivschuldwerk „Hitlers willige Vollstrecker“, und warf den Historikern damit vor, als wissenschaftliche Erfüllungsgehilfen ihres politischen Auftraggebers gehandelt zu haben. Sie seien dem Anliegen des früheren Außenministers Joseph Fischer auf den Leim gegangen, der anlässlich der Vorstellung des Werks im Oktober ausgerufen habe: Endlich bekommen die Herren den Nachruf, den sie verdienen.“ Nach dieser Lesart ist die Studie ein später Sieg des Straßenkämpfers und Steinewerfers Fischer samt seiner anti-elitären Ressentiments gegen das bürgerliche Establishment seiner Jugend. (…) Oliver Maksan

 

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