Presseschau

21. März 2011

Arabien im Aufbruch?

Straubinger Tagblatt
23. März 2011 - Ob in Ägypten, Libyen oder Syrien: In der arabischen Welt haben sich die Menschen gegen ihre Diktatoren erhoben. Was mit der Selbstverbrennung eines jungen Mannes in Tunesien begann, ist zum Flächenbrand für die gesamte Region geworden. Die Folgen dieses politischen Umbruchs sind heute nur schwer abzuschätzen. Da mag es helfen, den Blick etwas zu weiten und die Ereignisse im historischen Kontext zu betrachten. Für Prof. Dr. Udo Steinbach erfüllen sich die Araber mit ihrem Aufstand endlich den Traum von der Unabhängigkeit. „Arabien im Aufbruch?“, unter diese Überschrift hatte der Berliner Islamwissenschaftler seinen Vortrag in der Katholischen Akademie in Bayern gestellt. Vor seinem Münchner Publikum spannte er dabei den Bogen vom Ende des Osmanischen Reiches bis hin zu den aktuellen Unruhen. (…)
Im Moment steht die Bewegung noch am Anfang. „Wir müssen uns auf eine lange Veränderung einstellen, auf viele kleine Revolutionen und natürlich auch auf Rückschläge“, beschrieb Steinbach die nächsten Jahre im arabischen Raum. Tunesien ist von der europäischen Kultur fasziniert, hier ist bald eine relativ stabile Demokratie zu erwarten. In Ägypten fehlt es hingegen noch an einem Mittelstand, der die Gesellschaft trägt, und an politischen Parteien. Ganz anders wiederum die Lage in Libyen: Im Westen des Landes ist die Unterstützung für Gaddafi noch groß, die Revolution wäre deshalb wohl bald in die Sackgasse gelaufen. „Jetzt kommt der Westen und entscheidet. Das war möglicherweise ein Fehler.“ (…)
Für eine neue politische Ordnung müssen sich die Araber nicht zwangsläufig an der westlichen Demokratie orientieren. Steinbach erinnerte in München daran, dass die arabische Vorstellung von Herrschaft stark mit den Prinzipien von Weisheit und Gerechtigkeit verbunden ist. Der Islam wird dabei auch künftig eine starke Kraft bleiben. Eine neue Ordnung gibt es allerdings nicht ohne eine Reform des Islams. Denn der unkontrollierten Explosion der Bevölkerungszahl muss ein Ende bereitet werden. „Hier sind die Theologen gefragt.“
Entscheidend für die Zukunft der arabischen Staaten ist deren wirtschaftliche Entwicklung. “Wenn die Menschen gesellschaftlich und ökonomisch nicht Fuß fassen können, werden sie tatsächlich offen sein für die Rattenfänger, die vielleicht schon auf die Stunde der Frustration warten", mahnte Steinbach. Die arabischen Staaten werden daher die Unterstützung der Europäer brauchen. Von diesen können sie lernen, wie aus einer wirtschaftlichen eine politische Gemeinschaft wird. Aber auch die Stellung Europas selbst hängt im 21. Jahrhundert wesentlich davon ab, wie sich die Beziehung zur arabisch-mittelöstlichen Nachbarschaft entwickelt. Das Mittelmeer muss deshalb wieder als „mare nostrum“ begriffen werden ¬ als gemeinsames Meer, das verbindet anstatt zu trennen. Markus Lohmüller

Katholische Nachrichtenagentur
23. März 2011 – Der Marburger Orientexperte Udo Steinbach hat die deutsche Haltung zur militärischen Intervention in Libyen verteidigt. Die Luftangriffe seien nicht ganz unproblematisch. „Die Nationen, die damals Libyen den Weg in die Unabhängigkeit verstellt haben, bombardieren das Land jetzt“, erklärte Steinbach. Dem neuen Regime werde der Makel anhaften, mit britischen und französischen Bomben an die Macht gekommen zu sein. Den christlichen Minderheiten in den arabischen Ländern sagte der Wissenschaftler ein „trauriges Schicksal“ voraus. „Wenn es in Syrien zum Bruch kommt, wird es blutig“. Die Christen stünden dem Regime in Damaskus nahe. Bisher gebe es in der Region kein funktionierendes Modell für die Integration von Nicht-Muslimen. Für ihn sei es ein „bedauerlicher Befund“, dass die meisten Christen auswanderten. Andreas Windpassinger

Die Tagespost

26. März 2011 - Angesichts der unterschiedlichen Gesellschaften in den arabischen Ländern sei nach Steinbach schwer vorhersehbar, welche politischen Systeme sich entwickeln könnten. Es werde aber mit ziemlicher Sicherheit nicht zu einer einfachen Übernahme eines westlichen Konzepts kommen. Die Herrschaftsform werde sich nach "Weisheit und Gerechtigkeit", beides zentrale Werte im Islam, entwickeln und politische Systeme hervorbringen, die sich von westlichen Ordnungen unterscheiden. Dass es zu einer Ausprägung von Theokratien komme, hält Steinbach für unwahrscheinlich. "Der arabische Raum sieht seine Zukunft keineswegs in einer islamischen Ordnung, die möglicherweise noch mit Gewalt übergestülpt wird." Steinbach wies darauf hin, dass das türkische, laizistische Modell in den arabischen Ländern stark diskutiert wird. Clemens Mann

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